DAS KUNSTWERK BIST DU
Die Kraftquelle in uns
Vom Ursprungston der inneren Stimmigkeit
Es gibt Momente, in denen etwas in uns zur Ruhe kommt.
Vielleicht mitten in einem Gespräch. Während wir Musik hören. Oder in einem jener
seltenen Augenblicke, in denen wir aufhören, unsere Erfahrungen einzuordnen.
Etwas wird spürbar.
Eine leise Übereinstimmung mit uns selbst.
Wir nennen diesen inneren Raum manchmal das Herz. Doch was wissen wir
eigentlich über sein Wesen, über die Kraft, die von ihm ausgeht?
Das Herz und seine Geschichten
Wie viele Vorstellungen tragen wir in uns, wenn wir von Liebe sprechen?
Wir kennen ihre Bilder. Die große Sehnsucht, das Versprechen von Nähe, die
Hoffnung, gesehen und verstanden zu werden. Wir kennen auch die Enttäuschung,
die Unsicherheit und das Verlangen, etwas festzuhalten.
Manche dieser Erfahrungen begleiten uns seit unserer Kindheit. Andere sind im
Laufe unseres Lebens hinzugekommen.
Sie formen unsere Erwartungen, unsere Beziehungen und oft auch die Art, wie wir
uns selbst begegnen.
Manchmal verwechseln wir die Intensität einer Empfindung mit ihrer Tiefe.
Ein aufgewühltes Herz scheint besonders lebendig. Eine starke Sehnsucht
besonders wahr. Und doch kann sich hinter dieser Bewegung eine vertraute
Geschichte verbergen, die wir längst kennen.
Vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuhören.
Was berührt mich gerade wirklich?
Und was davon gehört zu einer Vorstellung, die ich über mich, über Liebe oder über
das Leben entwickelt habe?
Wenn das Vertraute seine Sicherheit verliert
Es ist erstaunlich, wie beharrlich wir an inneren Bildern festhalten können.
Selbst dann, wenn sie uns längst zu eng geworden sind.
Wir wünschen uns Veränderung und greifen zugleich auf vertraute Reaktionen
zurück. Wir möchten offen sein und spüren den Impuls, uns zu schützen. Wir
sehnen uns nach Nähe und ziehen uns zurück, sobald sie uns verletzlich macht.
Darin liegt ein menschlicher Widerspruch.
Unsere Erfahrungen haben Spuren hinterlassen. Manche haben uns gestärkt,
andere vorsichtig werden lassen. Und manches, was einst hilfreich war, bestimmt
noch heute unser Verhalten.
Was geschieht, wenn wir beginnen, diese Bewegungen wahrzunehmen, ohne ihnen
sofort folgen zu müssen?
Vielleicht entsteht zunächst Unsicherheit.
Ein kleiner Zwischenraum, in dem das Alte seine Selbstverständlichkeit verliert und
das Neue noch keine Gestalt angenommen hat.
Gerade dieser Zwischenraum interessiert mich.
Hier beginnt eine andere Art des Zuhörens.
Die Intelligenz des Zusammenspiels
Wir sprechen vom Herzen, als könnte es unabhängig von allem anderen in uns
existieren.
Dabei erleben wir uns immer als Ganzes.
Unser Körper reagiert, bevor wir eine Situation vollständig verstanden haben.
Gedanken geben unseren Empfindungen eine Bedeutung. Gefühle verändern
unseren Blick und manchmal auch unsere Entscheidungen.
Körper, Herz und Geist stehen in einer fortwährenden Beziehung.
Ich stelle mir dieses Zusammenspiel gern als einen Dreiklang vor.
Jede dieser Stimmen hat ihre eigene Qualität. Jede kann hervortreten,
zurückweichen, sich mit den anderen verbinden.
Manchmal übertönt eine Stimme die übrigen. Ein Gedanke wird zur Gewissheit. Eine
Angst bestimmt den nächsten Schritt. Ein Wunsch lässt uns übersehen, was bereits
da ist.
Und manchmal finden diese unterschiedlichen Bewegungen zueinander.
Dann entsteht eine Stimmigkeit, die wir vielleicht nicht erklären können, die wir
jedoch deutlich wahrnehmen.
Wie bei einem musikalischen Akkord.
Seine einzelnen Töne bleiben unterscheidbar. Gemeinsam bringen sie eine neue
Klangfarbe hervor.
Der Ursprungston
Mich beschäftigt seit Langem die Vorstellung, dass jeder Mensch eine eigene innere
Klangfarbe besitzt.
Eine Art Ursprungston.
Ich meine damit keine hörbare oder messbare Frequenz. Eher eine Qualität unseres
Daseins, die sich in unserer Haltung, unserer Stimme, unseren Bewegungen und in
der Art zeigt, wie wir der Welt begegnen.
Manchmal scheint dieser Ton weit entfernt.
Wir sind beschäftigt mit Erwartungen, Entscheidungen, Aufgaben und den vielen
Stimmen, die täglich auf uns einwirken.
Und dann geschieht etwas Einfaches.
Ein Klang berührt uns. Ein Satz findet seinen Platz. Wir stehen am Fenster und
sehen für einen Moment genauer hin.
Vielleicht verändert sich äußerlich kaum etwas.
Doch unsere Wahrnehmung wird weiter.
Wir hören wieder, was in uns selbst klingt.
Für mich liegt darin eine besondere Form der Rückverbindung.
Die Kraftquelle, die wir übersehen
Wir suchen Kraft häufig dort, wo Bewegung sichtbar ist.
Im Handeln. Im Überwinden. Im Erreichen eines Ziels.
Dabei kennen wir auch jene stille Kraft, die uns zur Verfügung steht, wenn wir
aufmerksam werden.
Die Kraft, einer Empfindung Raum zu geben.
Einen Gedanken zu hinterfragen.
Eine vertraute Geschichte für einen Augenblick offen zu lassen.
Oder etwas anzunehmen, dessen Bedeutung wir noch nicht kennen.
Vielleicht ist unsere innere Kraftquelle weniger verborgen, als wir glauben.
Vielleicht überhören wir sie nur, weil wir eine bestimmte Antwort erwarten.
Rückverbindung kann dann etwas sehr Schlichtes sein: wieder in Beziehung zu
treten mit dem, was wir tatsächlich empfinden, denken und wahrnehmen.
Auch mit unseren Widersprüchen.
Auch mit dem Unfertigen.
Was in uns zusammenklingt
Ich mag das Wort Stimmigkeit.
Es enthält die Stimme. Und zugleich die Vorstellung, dass etwas miteinander in
Einklang kommt.
Stimmigkeit bedeutet für mich keine dauerhafte Harmonie. Auch Zweifel,
Widersprüche und Unsicherheit gehören zu unserem Leben.
Vielleicht hören wir unseren Ursprungston gerade dann deutlicher, wenn wir
aufhören, ihn auf eine bestimmte Weise hören zu wollen.
Wenn wir dem Leben erlauben, uns zu überraschen.
Und wenn wir beginnen, auch den leisen Bewegungen in uns Aufmerksamkeit zu
schenken.
Dort, wo Körper, Herz und Geist einander wieder zuhören, kann etwas Eigenes
entstehen.
Ein Ausdruck, eine Entscheidung, eine neue Sicht.
Vielleicht beginnt genau hier die schöpferische Kraft, die wir so oft außerhalb von
uns suchen.
In unserer Fähigkeit, feiner wahrzunehmen.
Und aus dieser Wahrnehmung heraus zu gestalten.
Das Kunstwerk bist du.
Still
Joanna Falconer
Inspiriert durch einen Text über das Herzzentrum, der Luna U. Müller und OM C.
Parkins Gedanken zur Intelligenz des Herzens aufgreift.